
47 Interessierte aus Tirol und Südtirol – viele von ihnen Chronistinnen und Chronisten sowie Mitglieder des Tiroler Geschichtsvereins – machten sich am 9. Mai 2026 gemeinsam auf den Weg ins Vinschgau, um jenem Stein zu begegnen, der das kleine Dorf Laas seit Jahrzehnten weltberühmt macht: dem Laaser Marmor.
Noch auf der Busfahrt nach Laas stimmte der Geograph Wolfgang Santer die Gruppe auf das Kommende ein. Anschaulich erläuterte er den geologischen Aufbau in Europa und dieser Region.

In Laas angekommen, begann das Programm im historischen Bahnhofsgebäude mit einem einführenden Kurzfilm über Entstehung, Geschichte, Abbau und Verarbeitung des Marmors.


Der Laaser Marmor gehört zu den renommiertesten Marmorgesteinen Zentraleuropas. Er tritt sowohl in reinweißen als auch in gebänderten Varianten auf – in den reinweißen Bereichen lässt sich oft keinerlei Gefüge erkennen, das Gestein erscheint isotrop. Seine herausragende Qualität in Bezug auf Reinheit, Weißgrad und Feinkörnigkeit macht ihn weltweit begehrt: Die Pallas-Athene-Statue vor dem Wiener Parlament, das Queen Victoria Memorial vor dem Buckingham Palace, U-Bahnstationen in New York – sie alle tragen ein Stück Laas in sich.


Marmor entsteht durch Metamorphose, bei der Kalkstein unter extremem Druck und hoher Temperatur im Erdinneren über Millionen Jahre umgewandelt wird. Dabei rekristallisiert das Calciumcarbonat zu dichtem, kristallinem Gestein. Der Laaser Marmor hat diese Metamorphose gleich zweimal durchlaufen – ein Umstand, der ihn nicht nur besonders hart und frostbeständig macht, sondern ihm auch eine Säureresistenz verleiht, die seinen Einsatz im Außenbereich erst ermöglicht. Kein anderer Marmor kann das von sich behaupten.
Nach einer Shuttlebusfahrt zum Maschinenhaus öffnete sich das nächste Kapitel dieser Geschichte: die Laaser Schrägbahn. In den Jahren 1928 bis 1930 erbaut, überwindet sie eine Höhendifferenz von 474 Metern, mit einem maximalen Gefälle von 62 Prozent. Mit ihr konnten Lasten von bis zu 40 Tonnen mit einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde ins Tal befördert werden – ein Meisterwerk seiner Zeit, das leider seit 2019 aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr genützt wird. Heute wird der Marmor mit LKWs ins Tal befördert.







Dem Maschinenhaus folgte eine Wanderung zur Brüchlerstiege. Ein langer, enger Stollen im Inneren des Berges, in den eine steile Treppe führt – einst der tägliche Weg der Steinbrucharbeiter zu ihrem Arbeitsplatz hoch oben im Fels. Ob es nun 365 oder 380 Stufen sind, darüber war sich die Gruppe lebhaft uneinig. Die offizielle Zahl lautet 365.



Anschließend besichtigte die Gruppe den Weißwasserbruch, den aktiven Steinbruch, in dem der Marmor noch heute gewonnen wird.



Zurück im Ort kehrte die Gruppe im Gasthaus Sonne ein. Bei dem einen oder anderen Gespräch über das Gesehene wurde das Gesehene rekapituliert.
Den Nachmittag bestimmte ein Besuch der Berufsfachschule für Steinbearbeitung „Johannes Steinhäuser“. Bereits von 1879 bis 1911 bestand in Laas eine k.k. Fachschule für Steinbearbeitung; 1982 wurde sie neu gegründet und trägt seither den Namen jenes Johannes Steinhäuser, der im 19. Jahrhundert den Laaser Marmor auf internationalen Ausstellungen bekannt gemacht hatte.
Elias Wallnöfer führte die Gruppe durch die beiden professionell ausgestatteten Werkstätten sowie den Modellierraum. Was dabei deutlich wurde: Diese Schule unterrichtet nicht nur Technik, sondern auch eine eigene Handwerksethik . Die Ausbildung beginnt konsequent mit dem Urhandwerk – Meißel und Hammer. Erst wer gelernt hat, den Stein von Hand zu bearbeiten, darf zu druckluftbetriebenen Werkzeugen übergehen. In einer hauseigenen Schmiede fertigen und härten die Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Werkzeug selbst.










Die Rückreise mit dem Bus gab Gelegenheit, das Erlebte sacken zu lassen. Es sei hier auch den Teilnehmenden herzlich gedankt, für Ihre Fragen, die zeigten, dass hier echtes Interesse am Werk war – und für die allgemein lockere, humorvolle Stimmung an diesem Tag.
Text: Veronika Lamprecht
11.05.2026


