Besuch in der Chronik Haiming

Besuch in der Chronik Haiming

Organisiert hatte den Tag Bezirkschronistin-Stellvertreter Martin Luxner. Am Samstag, den 18. Juli 2026, waren die Chronistinnen und Chronisten des Bezirks Schwaz bei Ortschronist Manfred Wegleiter in Haiming zu Gast, der ihnen Einblick in seine Arbeit gab.
Im Mittelpunkt stand seine Ausstellung „80 Jahre Kriegsende – 80 Jahre Frieden“, präsentiert am 11. November 2025. Ihre Themen – Kriegsende und Nachkriegszeit – prägten den gesamten Tag.

Empfangen wurden wir gleich zu Beginn im Garten des Ortschronisten mit einem Glas Apfelsaft aus eigener Produktion – ein herzlicher Auftakt für einen Tag, der noch viele solcher Gesten der Gastfreundschaft bereithalten sollte.

Am Vormittag führte uns Manfred Wegleiter zur nahegelegenen, auf einem Hügel thronenden Pfarrkirche von Haiming, die 2017 ihr 500-Jahr-Jubiläum feierte.

Foto: Manfred Wegleiter

Der Kirchplatz erwies sich als altes Siedlungsgebiet: Gefundene Tonscherben aus der Bronzezeit werden einer rund 2500 Jahre alten Kultur zugeschrieben, möglicherweise Illyrern oder Kelten.

Bei der umfassenden Renovierung 2016/2017 kam der geschichtsträchtige, alte Steinboden aus „Haiminger Marmor“ wieder zum Vorschein.

Das Kriegerdenkmal aus den 1950er-Jahren am Friedhof.

Auf dem Kriegerdenkmal zeigt eine Skulptur eine Frau mit Kind – Symbol für jene, die zurückblieben, meist Frauen und Kinder.

Manfred Wegleiter erzählte am Weg die Geschichte des Orts: Haiming zählt heute knapp 5000 Einwohner in zahlreichen Ortsteilen und ist nach dem Zweiten Weltkrieg rasch gewachsen. Während des Kriegs entstand eine Kraftwerksanlage; 1941 trafen die ersten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter ein, untergebracht im Lager Haiming mit 14 Baracken. Mit Kriegsende blieb das Kraftwerk unvollendet.
Das Zwangsarbeiterlager fand nach Ende des 2. Weltkrieges als Unterkunft für aus ihrer Heimat vertriebene Volksdeutsche, vor allem aus dem Banat, Verwendung. Sie wanderten im Laufe der nächsten Jahre aus. Einige Familien blieben aber in Haiming und Ötztal-Bahnhof und bauten sich dort mit viel Fleiß eine neue Existenz auf.

Foto: Hans Glatzl ganz rechts im Bild.

Der weitere Weg führte uns zur Haiminger Bauernmühle, die Hans Glatzl selbst geplant und erbaut hat und durch die er uns persönlich führte.
Zeitweise gab es in Tirol zwischen 2000 und 2700 Mühlen – ein wichtiger Hinweis darauf, welch zentrale Rolle diese Anlagen einst für die Menschen spielten. Das Mühlrad hat 36 Schaufeln zu je 30 Litern Fassungsvermögen und dreht sich sechs- bis siebenmal pro Minute.

Der Standort ist ideal: Eine Geländestufe von fünf Metern liefert das nötige Gefälle für den Antrieb.

1970 begann Glatzl mit dem Getreideanbau. Als die Kunden bald auch Mehl wünschten, folgten Jahre des Nachdenkens, Informierens und Planens. 1994 stellte er das Bauansuchen an die Gemeinde, und im Oktober 1995 hielt er sein erstes selbst gemahlenes Mehl in Händen. Heute wird am Wochenende zusätzlich Brot gebacken und im eigenen Bio-Hofladen verkauft.

Erst vor drei Wochen hatte Glatzl die Kastenrinne (oben im Bild) neu gebaut: 40 Meter lang, mit einem Gefälle von 20 Zentimetern auf diese Länge. Der Mühlbach, dessen Wasser genutzt wird, ist künstlich angelegt; bereits seit 1504 gibt es in Haiming solche Wasser-Waale. Der Bach ist regulierbar und stellt auch bei Hochwasser kein Problem dar.

Hans Glatzl ist Gründungsmitglied der Österreichischen Gesellschaft der Mühlenfreunde und Mühlensprecher des Bundeslandes Tirol. Gemeinsam mit anderen betreut und erweitert er ständig die Mühlendatenbank (www.muehlenfreunde.at/muehlendatenbank), in der bereits rund 3000 Mühlen erfasst sind. Dabei ist er auf die Unterstützung von Chronistinnen und Chronisten angewiesen, gibt aber ebenso bereitwillig Auskunft: „Sag mir den Bach, dann schauen wir nach. Wenn er um 1850 schon gebaut war, finden wir ihn im Franziszeischen Kataster.“

In der Mühle selbst gibt es zwei Mahlgänge aus Zirbenholz – einen für Tirggen, einen für Weizen. Die Mühlsteine, bestehend aus Bodenstein und Läufer, stammen aus Sextner Urgestein.

Foto: Manfred Wegleiter

Seine wichtigste Aufgabe heute, so erzählte er uns, sei es, einen Nachfolger einzuschulen.

Am Nachmittag waren wir zu Gast im Gemeindeamt Haiming, wo Manfred Wegleiter im Sitzungszimmer die Ausstellung eigens für uns neu aufgebaut hatte. Sie besteht aus zwei Teilen: einer Ausstellung zu Gefallenen, Wiederheimkehrern und der Kriegszeit in Haiming sowie einer PowerPoint-Präsentation zu Verfolgung und Euthanasie. Parallel dazu lief die von Edith Hessenberger organisierte Ausstellung „NS-Zeit in Ötztal“, am dazugehörigen Buch wirkte Wegleiter ebenfalls mit.

Ausschnitt aus dem Plakat zur Ankündigung.

Manfred Wegleiters Leitfragen: Welche Haiminger Bürger sind in dieser Zeit umgekommen? Ganze Familien sind ausgestorben. Wie haben die Menschen gelitten, und wie konnten sie danach weiterleben? Wie lässt sich darstellen, was in der Gemeinde geschah? Das Verdrängte ebenso wie das Bekannte, das Erzählte ebenso wie das falsch Erzählte.

Er schilderte, wie schwer sich junge Menschen heute tun, sich in diese Zeit hineinzuversetzen. Daraus entwickelte sich unter allen Teilnehmenden ein nachdenkliches Gespräch. Der Tenor: Es ist ein wichtiger Auftrag der Chronistinnen und Chronisten, dieses Wissen weiterzugeben – denn die guten Verhältnisse von heute sind keine Selbstverständlichkeit, und es geht schneller schief, als man meint. Es gehe darum, das Bewusstsein für Gefahren im eigenen Ort zu schärfen, ebenso wie darum, vorschnelle Verurteilungen zu hinterfragen: Erst wer den großen Überblick gewinnt, versteht, wie eines zum anderen führte.

Zwei Jahre lang hatte Manfred Wegleiter recherchiert und ein Grundgerüst für die Ausstellung zusammengetragen. Die Monate vor der Präsentation waren, wie er berichtete, sehr stressig, mit vielen durchgearbeiteten Nächten gemeinsam mit seinen Unterstützern. Umso größer war die Genugtuung, als der Oberlandsaal bei der Präsentation bis auf den letzten Platz gefüllt war. Im Anschluss stellten sich viele Zuhörer Fragen, und für manche wurden dabei Zusammenhänge mit der eigenen Familiengeschichte erst richtig greifbar. Es sei anstrengend gewesen, so Manfred Wegleiter, aber persönlich äußerst wertvoll.

Zum Abschluss führte er uns noch durch seinen Chronikraum.

Am Ende des Tages beschenkte der Ortschronist alle Teilnehmenden mit dem „Haiming Buch“, und seine Frau Anita verwöhnte uns im Garten noch einmal mit Marillenfleck und Marillenlikör.

Der Tag bot mehr als geschichtliches Wissen: die Gastfreundschaft der Familie Wegleiter, Hans Glatzls Leidenschaft für seine Mühle, die eindringlichen Fragen von Manfreds Ausstellung und den offenen Austausch unter Kolleginnen und Kollegen.

Danke an Martin Luxner für die Organisation, Manfred und Anita Wegleiter für ihre Gastfreundschaft sowie Hans Glatzl für seine Zeit und sein Wissen. Mitgenommen aus Haiming haben sich die Teilnehmer nicht nur neue Erkenntnisse, sondern auch das Bewusstsein, wie wichtig die Arbeit der Chronistinnen und Chronisten für die kommenden Generationen ist.

Ganz links im Bild: Anita und Manfred Wegleiter. Foto: Simon Wegleiter


Hier kann der Bericht über die Ausstellung im November 2025 nachgelesen werden.

20. Juli 2026
Text: Veronika Lamprecht
Alle Fotos, sofern nicht anders vermerkt: Martin Luxner